1000 Worte
zu Photographie + Philosophie

Die Faszination der Fotografie verstehen

15.08.2009

Warum ich fotografiere? Um ehrlich zu sein, ich weiss es nicht.
Sicher hat es etwas damit zu tun, Sinn, Ordnung und Symmetrie zu suchen und festzuhalten. Obwohl „Festhalten“ ein zu schwaches Wort ist, Bewahren oder Konservieren sind stärkere und bessere Begriffe. Denn es geht auch ein Stück weit darum, gegen die nicht akzeptierte eigene Sterblichkeit anzuarbeiten. Die Fotografie gestattet es Einem, der zeichnerisch unbegabt ist, das Chaos nach seinen Vorstellungen zu ordnen und seine Fundstücke zu fixieren.
Und natürlich ist da wohl auch die pure Freude am Umgang mit der Technik - Was geht schon über das Griffgefühl eines solide gefertigten Kameragehäuses aus Holz oder Metall und das satte Einstellschmatzen einer manuellen Festbrennweite?! - Sie merken es schon, ich arbeite noch analog.
Das einzige, was ich ernsthaft sagen kann, ist, dass ich immer dann zur Kamera greife, wenn mich etwas emotional anpricht. Am nächsten kommt dem ein Zitat von Galen Rowell:

Normally, I stop and make a picture when something turns me on, when I feel personal passion. Instead of somehow decide I should make a lanscape picture of this park or that place, i wait until I feel turned on about it.“

Diese Unfähigkeit, das was vor sich geht in Worte zu fassen einerseits und das Bedürfnis den emotionalen Eindruck festzuhalten andererseits scheinen mir in jedem Fall ein wichtiger Hinweis auf das zu sein, was vor sich geht. - Warum fällt es uns häufig so schwer, die Schönheit und den Ausdruck eines visuellen Eindrucks in Worte zu fassen obwohl wir beides (und manchmal noch viel mehr) als mehr oder weniger starkes Gefühl sehr wohl erleben? Warum ist Abbilden manchmal besser als beschreiben oder warum ist die visuelle Wiedergabe manchmal der einzige Weg, etwas zu kommunizieren?

Ein Ansel Adams Zitat gibt vielleicht einen ersten Hinweis:

...This was one of the not too frequent occasions where a transient image makes an impression on the mind, though the photographer is not aware of it at the time. It seems to digest; the subconscious mind develops the impression into a quasi-visualization, then the conscience moves in and, wirh insistent pressure, makes the photographer feel quite troubled unless he returns to the source. On every occasion that this has happened to me, the subject was worth of renewed attention. When I have not returned I am gently haunted with a sense of loss.“
Ansel Adams, An Autobiography, 1991, S. 240

Ein visueller Eindruck bringt eine Seite in uns zum Schwingen, ohne dass wir etwas genaues darüber zu sagen vermögen. Semir Zeki vermutet den Grund dafür im höheren Alter und der damit verbundenen größeren Perfektion des visuellen Systems. Augen hat die Evolution vor 430 bis 500 Millionen Jahren hervorgebracht, die Fähigkeit zur Sprache dagegen erst vor bestenfalls 6 bis 8 Millionen Jahren (vermutete Verzweigung von Menschenaffe und Mensch), vielleicht auch erst vor 500 000 bis 1 Million Jahren (Indizienbeweise für höherentwickelte Denkleistungen, also auch Sprache). Egal, die paar Millionen Jahre fallen im Vergleich zum Alter des visuellen Systems nicht ins Gewicht. In ihm spiegeln sich die Prioritäten des Überlebens: Zu sehen, ob ein Fressfeind oder Beute naht, macht einen enormen Unterschied für die Fitness einer Art. Und anhand von Körperhaltung und Gesichtsausdruck zu erkennen, ob uns jemand freundlich oder feindlich gegenübersteht, unterscheidet unter Umständen auch heute noch einen guten von einem schlechten Tag. Der erste, visuelle Eindruck ist also eminent wichtig und das visuelle System trägt dieser Anforderung mit extrem schneller und gut vernetzter Datenverarbeitung Rechnung. Etwas sprachlich zu kommunizieren ist verglichen damit von nachgeordneter Bedeutung. - Wir müssen uns ja immer vor Augen halten, dass jede evolutionäre Entwicklung vor dem Hintergrund der Überlebensfähigkeit sinnvoll sein muss. Und vor diesem spielt es keine große Rolle, ob wir unseren Eindruck von Ästhetik mitteilen können oder nicht. Wie auch immer, in der Auseinandersetzung mit all diesen Themen hoffe ich die Anziehungskraft, die die Photographie sicher nicht nur auf mich allein ausübt, ein wenig auszuleuchten.




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