1000 Worte
zu Photographie + Philosophie

Die Realität hinter der Wirklichkeit begreifen

15.10.2009

Wir dürfen uns glücklich schätzen, dass die deutsche Sprache zwei so fundamentale Begriffe bereit hält. Die Englische besitzt diesen Vorzug nicht, dort heisst beides „Reality“. Warum aber ist die Verwendung zweier unterschiedlicher Begriffe notwendig, um etwas zu beschreiben mit dem wir nur allzu oft zu sorglos umgehen?

Nachdem ich die ersten drei PhotoFührer USA fertiggestellt hatte begann ich damit, etwas zu schreiben, dass nach dem Vorbild in „Galen Rowell´s Vision“ die Erkenntnisse der Naturwissenschaften und Physiologie für die Fotografie nutzbar machen sollte. Da ging es um Fragen wie, Warum färbt sich der Himmel beim Sonnenuntergang so phantastisch rot-orange, wie nehmen wir Farben wahr oder warum erscheint uns ein Bild das bestimmte Farben enthält schärfer als eins ohne diese Kombinationen. Nach den ersten Studien zu unserem visuellen System war ich zugegebener Maßen überrascht, dass so sicher geglaubte Attribute wir Farbe und Helligkeit keine Eigenschaften sind, die die Objekte selbst besitzen, sondern reine Interpretationen unseres Geistes. Unser Sehsystem, also unser Gehirn, verleiht einem Wellenlängenspektrum, dessen maximale Intensität im langwelligen Bereich liegt, ganz einfach den Eindruck Rot oder Rot-Orange den wir wahrnehmen. Mit der Helligkeit verhält es sich genauso. Große Intensität bedeutet große wahrgenommene Helligkeit, geringe Intensität ist gleich geringe Helligkeit oder relative Dunkelheit. Wenn aber solche Eigenschaften nur durch uns bzw. nicht ohne uns und unsere speziellen physiologischen Voraussetzungen existieren, müssen wir uns zwangsläufig von der Wesensgleichheit der Begriffe "Wirklichkeit" und "Realität" verabschieden. Wirklichkeit ist nur noch das, was wir wahrnehmen. Die Realität beschreibt dagegen die tatsächlichen Eigenschaften der Objekte, der Welt, die wir nicht direkt wahrnehmen können.

Unter dieser Voraussetzung ist es müßig, sich mit der Wirklichkeit aufzuhalten. Denn allein die Kenntnis der Realität gestattet es etwas über den wahren Sinn der Dinge und Vorgänge auszusagen und der Antrieb, den Sinn, die Ordnung und tiefe Symmetrie zu erkennen, ist bei mir sehr stark ausgeprägt.

Künstler streben diese Kenntnis, vielleicht ohne es selbst zu wissen, schon seit jeher an.

Definitionen über das, was Kunst ist, gibt es durch die Jahrhunderte zahllose. Jedoch halten sie sich meiner Ansicht nach vielfach zu sehr mit der Beschreibung des oberflächlich sichtbaren auf und versäumen es, die tiefergehenden Geimeinsamkeiten der unterschiedlichen Ansätze herauszuarbeiten: Die Vermittlung von Wissen über das, was durch alle Lebenswirklichkeiten hindurch konstant und wesentlich ist. Durch die künstlerische Auseinandersetzung schimmert die Realität indirekt als Interpretation in unsere Wirklich hinein und es ist möglich, einem Thema oder einem Objekt eine über den direkten Eindruck hinausgehende Bedeutung zu verleihen. In diesem Zusammenhang glaube ich, dass das Kunstwerk eine umso größere Wirkung auf den Betrachter ausübt, umso prägnanter wird, je weiter sich der Künstler der Realität des Gegenstands annähert. In dem Maß, in dem er die einzelnen Schichten der Wirklichkeit abschält, steigt die Bedeutung für eine immer größer werdende Zahl Betrachter, weil die Realität ohne deren einzelne Lebenswirklichkeiten existiert und etwas transportiert wird, das unabhängig davon gültig ist.

Der britische Neurobiologe Semir Zeki vertritt diese Ansicht in seinem Buch „Inner Vision, An Exploration of Art and the Brain“ und zieht eine interessante Parallele zu unserem visuellen System. Ausgehend von der gundlegenden Frage, warum wir überhaupt sehen, schreibt, er, dass sich diese Fähigkeit entwickelt hat, damit wir Wissen über unsere Umgebung und die Welt erwerben können (S.4). Da dieser Vorgang aufgrund seiner Komplexität einen nicht unbeträchtlichen Teil unseres Gehirns beansprucht, kann es aber nicht um beliebiges Wissen gehen. Das einzige Wissen, das es wert ist auf diesem komplexen Weg erworben zu werden, ist solches über die konstanten, unveränderlichen Eigenschaften der Dinge da draussen. Nur auf diese Weise kann unser Verstand in die Lage versetzt werden, die Objekte zu kategorisieren und zuverlässig wiederzuerkennen (S.5).

Das ist vielleicht schwer nachzuvollziehen und deshalb wollen wir es für einen kurzen Moment weiter erkunden. Stellen wir uns einen Stuhl vor dessen Vorderseite wir einmal von Unten und einmal von Oben betrachten. Durch die unterschiedlichen Winkel verändert sich die Abbildung des Stuhls auf der Netzhaut nachhaltig, denn die Linien der Beine, der Sitzfläche und der Lehne laufen jeweils unterschiedlich zusammen. Sofern der Tischler sorgfältig gearbeitet hat, bleibt der Stuhl in unserer Wahrnehmung aber ein Stuhl mit rechten Winkeln.
Ein weiteres Beispiel ist die auch unter wechselnder Beleuchtungsqualität gleichbleibende Wahrnehmung von Farben. Ein weisses Blatt Papier, das wir einmal unter eher blauer- und einmal unter mehr roter Beleuchtung betrachten, bleibt für uns weiss, obwohl sich das von ihm reflektierte Spektrum in beiden Fällen nachhaltig unterscheidet.
Diese Konstanzleistungen kann der Apparat in unserem Kopf nur vollbringen, indem er sich auf jene Eigenschaften konzentriert, die unabhängig vom Sehwinkel bzw. der spektralen Zusammensetzung der Beleuchtung gleich bleiben. Wie es das tut, ist in manchen Teilen aufgeklärt, in anderen dagegen noch Gegenstand der Forschung.

Sehen ist also offensichtlich kein passiver Abbildungprozess, sondern ein aktiver Vorgang bei dem das Gehirn die fortwährenden Veränderungen berücksichtigt, um auf die unveränderlichen Merkmale zu schliessen. Kunst, so Zeki, tut dasselbe. Lesen wir die folgenden Zitate von Kritikern und Künstlern:

Albert Gleizes und Jean Metzinger über Gustave Courbet und den Cubismus:
Ohne sich der Tatsache bewusst zu sein das man, um eine wahre Verbindung darzustellen, tausend scheinbare Wahrheiten opfern muss, akzeptierte er alles, was ihm sein Auge präsentierte ohne die geringste intellektuelle Kontrolle. Er argwöhnte nicht, dass die sichtbare Welt nur durch die Arbeit des Verstands zur realen Welt werden kann.“

Tennessee Williams über die Aufgabe der Kunst:
Sie soll das Ewige vom verzweifelt Umhertreibenden ergreifen.“

Jaques Riviere über den Zweck eines Gemäldes:
Sein Daseinsgrund ist es Objekte so darzustellen, wie sie wirklich sind, also anders als wir sie sehen. Es neigt immer dazu uns etwas über ihr empfundenes Wesen, ihre Präsenz, mizuteilen. Es muss nicht die äußere Erscheinung der Objekte zeigen, weil sich diese von Moment zu Moment verändert.“

Edward Weston:
Wozu kann die Kamera am besten verwendet werden? ... Die Antwort erscheint mir immer klarer nachdem ich bedeutende Werke von Bildhauern oder Malern betrachtet habe. ... dass die Kamera dazu benutzt werden sollte, das Leben festzuhalten, zur Abbildung der exakten Bedeutung und Quintessenz des Objektes selbst, egal ob dies polierter Stahl oder lebendiges Fleisch ist.“

Unbekannte Quelle:
Great Art leaves the communer spiritually enriched; It speaks a universal, timeless language and, like a true sage, reveals its virtues unhurriedly.“

Barry Lopez:
A Photographer sseks intimacy with the world and then endeavors to share it.“




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