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Phototipps

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StadtBilder: Metropolen effektiv photographieren

Städte sind kompliziertere und vielschichtigere Organismen als Menschen. Dies trifft umso mehr zu je größer sie sind. Jeder Stadteil, jeder Straßenzug ist von seinen vielfältigen Bewohnern geprägt und verlangt dem Photographen eine Menge Einfühlungsvermögen ab, wenn er jedes Mal zum Kern der Sache vorstoßen will. Aus diesem Grund erfordert kaum ein anderer Motivbereich so viele Anleihen bei den unterschiedlichen Disziplinen wie dieser : ein bißchen ist es Landschaft, ein bißchen Architektur, das genaue Hinschauen ist der Dokumentation und der Macrowelt eigen, die Tiefgründigkeit kommt aus der Kunst des Porträts.

Urbane Landschaften

Die Beleuchtung ist für ein gelungenes Stadtporträt von genauso großer Bedeutung wie für eine Landschaftsaufnahme und es lassen sich sogar dieselben Regeln anwenden: großflächige Übersichten brauchen die dynamischen Schatten der flachen seitlichen Beleuchtung am Morgen oder Abend, um zum Leben zu erwachen. Stehen dagegen Details, feine Farbabstufungen oder die Strukturen verschiedener Baustoffe im Vordergrund ist wie bei einer intimen Naturszene das gleichmäßige Licht eines bedeckten Himmels gefragt. Auch im Hinblick auf die Kontrastverhältnisse gleichen sich hier wie da die Probleme : genau wie beispielsweise im Zion Canyon erreicht die Sonne am Vor- oder Nachmittag nur die obere Hälfte der Hochhäuser an der California Street (oder jeder anderen von Menschen gemachten Stadtschlucht) und beläßt den tiefer liegenden Teil im Schatten. – Auch solche urbanen Canyons brauchen also das weit hinunter reichende Mittagslicht oder die manuelle Kontraststeuerung mittels Grauverlauffilter, um im Bild zu wirken.

Skylines

Viele amerikanische Metropolen erkennt man an ein oder zwei markanten Gebäuden, die das Stadtbild weithin sichtbar dominieren und den Ort nach außen repräsentieren. Ein entfernter, möglichst höher gelegener Standpunkt ist in Verbindung mit einer kurzen Brennweite dementsprechend am Besten geeignet, um diese Wirkung einzufangen. Da es sich in der Regel um eine Übersichtsaufnahme handelt kommen wie oben bereits angesprochen nur der Morgen oder späte Nachmittag als Aufnahmezeiten in Frage. Ein Stadtplan ist hilfreich, um den richtigen Standort zu bestimmen: Blickrichtung Osten, damit die gezackte Silhouette vor dem Sonnenaufgang steht, Blickrichtung Westen,um die am Abend erleuchteten Gebäude vor den Sonnenuntergang zu stellen. Halten Sie die Belichtungszeit dann unter 1 sec, um die Lichter der vorbeifliegenden Flugzeuge als Punkte und nicht als Striche abzubilden. Der Einsatz einer Telebrennweite wird Ihnen darüberhinaus in den meisten Fällen helfen ansonsten unzugängliche Details einzufangen.

Details schaffen Leben

Städte bestehen aus unzähligen Kleinigkeiten, die einen präzisen Blick benötigen um entdeckt zu werden: Straßenschilder, Reklametafeln, Eingangstüren und kaputte Fenster verraten viel mehr über die Bewohner und ihre Gepflogenheiten als es eine Übersichtsaufnahme je könnte. Der bewußte Einsatz der Tiefenschärfe kann die Bildwirkung noch verstärken, indem das Hauptmotiv entweder mit großer Blende freigestellt oder durch die Schärfe einer kleinen Öffnung mit dem Hintergrund verbunden wird. Auch große Bauwerke, normalerweise unübersichtlich und schwer in Bilder zu fassen, können von dem auf Details bedachten Blick profitieren. Anstatt sich mit nichtssagenden Gesamtansichten aufzuhalten ist es in solchen Fällen effektiver den Focus auf die interessantesten Einzelheiten zu beschränken und das Gebäude in einer solchen Serie zu porträtieren. Die Brennweiten können zu diesem Zweck vom Normalobjektiv bis zur dramatisch kurzen Perspektive eines Teleobjektivs reichen. Das Stativ hält zur bedachten Bildgestaltung an und verhilft auch bei langen Brennweiten zu ausreichender Tiefenschärfe.

Lichter der Nacht

Nachts sind alle Katzen grau? Weit gefehlt. Wenn nach Einbruch der Dunkelheit die künstlichen Lichter angehen ist es als ob sich die Großstädte eine Maske überziehen und ein zweites Ich präsentieren. Allerdings überfordert die Vielfalt der urbanen Beleuchtung selbst Kunstlichtfilm. Er vermag zwar das Licht vieler Glühlampen neutral wiederzugeben und ein Fluoreszenzfilter kann auch den Grünstich der Neonröhren beseitigen, die Natriumdampflampen der Straßenbeleuchtung beispielsweise behalten aber einen grünen Farbstich zurück. So ist es von vorn herein effektiver und stimmungsvoller mit den verschiedenen Farbstichen zu arbeiten und sie durch die warme Charakteristik des Tagelichtmaterials zu betonen.

Beginnen Sie den nächtlichen Einsatz nach Möglichkeit schon kurz vor der Dämmerung zur „Blauen Stunde“, wenn sich das zurückweichende Tageslicht und das einsetzende Kunstlich für kurze Zeit fabelhaft ergänzen und noch Gebäudeumrisse erkennen lassen. In Blickrichtung Osten wird Ihre Arbeit zudem vielleicht mit einem tollen Abendrot belohnt. Messen Sie die Kontrastverhältnisse sorgfältig aus und legen Sie den Bildausschnitt so, daß übermäßig große Belichtungsunterschiede ausgespart bleiben. Sobald es kein natürliches Licht mehr gibt können die Belichtungszeiten leicht in den Bereich vieler Sekunden oder sogar einiger Minuten gleiten. – Zeit, um des Herrn Schwarzschild zu Gedenken. Er fand heraus, daß sich die Empfindlichkeit photographischer Emulsionen verringert je länger man belichtet bzw. sie sich erhöht je kürzer man belichtet (Ultrakurzzeit Effekt). Dieser Schwarzschildeffekt muß am Abend durch eine verlängerte Belcihtung korrigiert werden. Um wieviele Blendenstufen verrät ihnen das Datenblatt des jeweiligen Films. Die parallel auftretende Farbverschiebung tendiert bei vielen Filmen zum warmen Bereich und ist dementsprechend oft willkommen.

Viele Gebäude geben erst in der Nacht ein lohnendes Motiv ab, wenn sie angestrahlt werden. Der theatralische Effekt löst sie aus der oft störenden Umgebung und läst sie besonders imposant hervortreten. Um die Zeit gut zu planen ist es ratsam sich schon tagsüber bei Polizisten oder Taxifahrern zu erkundigen welche Bauwerke wann beleuchtet werden. Stark befahrene Straßen eignen sich gut, um die Lichter der vorbeifahrenden Autos als lange Lichtstreifen mit ins Bild einzubeziehen. Wählen Sie dazu einfach einen aussagekräftigen Bildausschnitt, blenden Sie weit ab um eine Belichtungszeit von mindestens 10 sec zu bekommen und warten Sie zum Auslösen den Fahrzeugschwall der nächsten Grünphase ab. Da der Effekt von der Länge der Belichtungszeit auf der einen und der Menge der vorbeifahrenden Autos auf der anderen Seite abhängt sollten Sie in jedem Fall mehrere Versuche mit verschieden langen Zeiten machen. Eine weitere Möglichkeit mit dem künstlichen Licht zu spielen ist der sogenannte Zoomeffekt, wobei der Brennweitenring des Objektivs während der Belichtung vom einen zum anderen Ende durchgezogen wird. Im Ergebnis wird das Hauptmotiv einmal klein und einmal groß mit verbindenden Lichtspuren dazwischen abgebildet. Straßenszenen oder einzelne Neonschilder eignen sich besonders gut für einen Zoombereich von 80 bis 200 mm. Die Belichtungszeit sollte mindestens 1/2 sec betragen, aber Sie sollten ruhig vorher einige Trockenübungen machen. Der Trick ist zwar auch am Tage verwendbar, wirkt aber am Abend viel besser.

Architekturphotographie

Gebäude sind auf den ersten Blick leicht zu photographieren, weil Sie unsere Bemühungen geduldig und ruhig ertragen, und doch verlangen sie uns ob ihrer Größe technisch einiges ab. Gemeint sind die tückischen „Stürzende Linien“, die enstehen wenn die Kamera aus einer Position parallel zur Fassade nach oben oder unten geneigt wird, um das Objekt ganz abzubilden. In diesem Fall ist der eine (obere) Teil des Gebäudes weiter von der Filmebene entfernt als der andere (untere, oder umgekehrt) und wird entsprechend kleiner abgebildet. – Es entsteht der Eindruck als würde sich das Gebäude zur jeweils entfernteren Seite hin verjüngen und nach hinten kippen. Dies wird Linearperspektive genannt und meint, daß parallele Linien, die sich vom Betrachtungspunkt entfernen in der Entfernung scheinbar zusammenlaufen. Die bekannten Eisenbahnschienen sind ein griffiges Beispiel dafür. Je kürzer die eingesetzte Brennweite, umso stärker der Effekt, was sich natürlich zur Dramatisierung und damit zur gezielten Bildgestaltung nutzen läßt. So Sie den begehrten Wolkenkratzer aber in Gänze unverzerrt aufnehmen wollen können Sie nun entweder einen entfernteren Standpunkt wählen und dem ihm mit einer längeren Brennweite zu Leibe rücken, was den Nachteil mit sich bringt den Vordergrund nicht immer ganz kontrollieren zu können. Oder ein sogenanntes Shift-Objektiv einsetzen, mit dem sich die Perspektive korrigieren läßt. Shift-Objektive zeichnen zu allererst einen Bildkreis (das vom Objektiv auf die Filmebene projizierte Bild) aus, der das Aufnahmeformat um einiges übersteigt. Der Kleinbildausschnitt von 24 x 36 mm hat also zu allen Seiten Bewegungsfreiheit. Diese nutzt das zweite Merkmal, nämlich die Möglichkeit das Objektiv gegenüber dem Kameragehäuse verschieben zu können. So können Sie die Filmebene parallel zur Fassade halten und mit einer Verschiebung des Bildausschnitts nach oben trotzdem das ganze Gebäude aufnehmen. Verschiedene Kamerahersteller bieten solche Optiken für ihre Systeme an. Alternativ empfiehlt sich der Panorama Shift-Adapter der Fa. Zörkendörfer (siehe „Weite im Bild“) in Verbindung mit einem Mittelformatobjektiv. Technik hin oder her, man kann ein Bild immer so oder so machen. Wichtig ist es Klarheit darüber zu erlangen welcher Aspekt des Motivs im Vordergrund stehen soll und erst dann an die Realisierung zu gehen. Soll die Aufmerksamkeit also auf das Baumaterial gelenkt werden so sind das Licht und vielleicht Filter wichtig, um Reflexionen zu verhindern oder zu provozieren. Soll die Umgebung als Kontext einbezogen werden oder hat die Isolation die bessere Wirkung ? Soll die Perspektive dramatisch oder formell und gerade sein ? Manchmal fördert erst der probeweise Einsatz verschiedener extremer Brennweiten und Standorte das beste Bild zutage. Sollen bestimmte Formen oder Details abstrakt verfremdet werden ? Gerade die Architektur mit ihren in der Regel exakten geometrischen Mustern verleitet zum Spielen mit besonders knappen Ausschnitten.

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