Photogalerie „Die Essenz der Dinge“

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Zypressenhain, Everglades/Florida     3 / 15
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Westons Aufzeichnungen verraten uns nichts darüber, wie er zu dieser neuen Auffassung und Interpretation gekommen ist. Es scheint einer jener Quantensprünge zu sein, in denen der menschliche Geist schlagartig Jahre der Auseinandersetzung zu etwas nie dagewesenem kondensieren läßt. Fest steht, daß Weston in diesen wenigen Tagen zu einem photographischen Modernisten geworden ist, dem Präzision, Klarheit und die damit einhergehende Wahrheit wichtiger waren als die pseudo-künstlerischen Werte des Piktorialismus.
In New York angekommen, gaben ihm seine Begegnungen mit Alfred Stieglitz und Künstlern wie Gertrude Käsebier, Paul Strand und Georgia O´Keeffe Kraft und Sicherheit, sich künstlerisch in die richtige Richtung zu bewegen. Tatsächlich war sein Enthusiasmus so groß, daß er fortan alles auf eine Karte setzen wollte. Um diesen Neubeginn zu zementieren, ging er 1923 für drei Jahre mit seiner Geliebten Tina Modotti nach Mexiko, zu dieser Zeit ein vom revolutionärem Eifer aufgewühltes Land, das jedem Künstler aufregende Erfahrungen versprach.
Unter dem Einfluss der Motive und anderen Künstler dort fokussierte er seine photographische Arbeit auf die Suche nach dem ehrlichen, unmittelbaren Ausdruck. Diese Bilder nehmen das vorweg, was gut zehn Jahre später als Straight Photography bezeichnet wurde. Diese reine Photographie steht für sachliche Arbeit und neuen Realismus. Sie zeigt keine Unschärfe und manipuliert weder das Negativ noch das Positiv. Seinem Tagebuch können wir dazu Folgendes entnehmen:

«Zu welchem Zweck ist die Kamera am besten zu gebrauchen? … Die Antwort erscheint mir immer klarer, wenn ich die großen Werke der Bildhauer und Maler betrachte … die Kamera sollte zur Abbildung des Lebens benutzt werden, dazu, die echte Substanz und Quintessenz des Dings selbst wiederzugeben, egal ob es sich dabei um polierten Stahl oder lebendige Körper handelt.» (2)

Seinem Gefühl für das Leben Ausdruck zu verleihen war sein Ziel und so photographierte er in seiner Zeit in Carmel/Californien (1929-1934) radikal neue Dinge: an den Strand gespültes Kelp, Nahaufnahmen von Salatköpfen, Bananen, Zwiebeln, Grünkohl, Paprikaschoten und Muscheln. Diese Bilder sind mehr als bloße Abbildungen der Wirklichkeit. Tina Modotti berichtet Diego Rivieras Reaktion auf Westons Muschelbilder: «Nachdem der erste atemberaubende Eindruck vorüber war und nach langer, stiller Inaugenscheinnahme jedes Bildes, fragte er abrupt: „Ist Weston im Moment krank?“ Dann fuhr er fort: „Diese Photographien sind biologisch, neben dem ästhetischen Gefühl erregen sie mich physisch – sieh den Schweiß auf meiner Stirn.“ Dann – „Ist Weston sehr sinnlich?“» (3)

Edward Weston konnte solche starken physischen Reaktionen nicht verstehen. In seinem Tagebuch schrieb er:
«Nein! Ich hatte keine physischen Gedanken, – habe ich niemals. Ich habe mit klarer Vorstellung der puren ästhetischen Form gearbeitet. Ich wusste tief in mir drin, was ich da aufnehme, mein Gefühl für das Leben war wie niemals zuvor. Besser gesagt, wenn die Negative schlußendlich entwickelt waren, habe ich erkannt, was ich gefühlt habe, – denn bei der Arbeit selbst war ich mir niemals weniger bewußt darüber, was ich tue.» (4)

„Ein Gefühl für das Leben, wie niemals zuvor“Ansel Adams sagt uns an einer Stelle, wie wir uns Westons Sicht des Lebens vorzustellen haben:
«Edward ging von Gedanken und Konzepten aus, die auf einfachen mystischen Ebenen angesiedelt sind. Sein eigenes Werk – direkt und ehrlich, wie es ist – entspring einer tiefen Intuition und einem Glauben an Kräfte außerhalb der Wirklichkeit und des Faktischen. Er akzeptierte diese Kräfte als völlig reale Bestandteile der gesamten Welt des Menschen und der Natur, von der die meisten von uns nur einen kleinen Teil unmittelbar erfahren.» (5)

Die Texte und Bilder dieser Galerie sind in Buchform in der Reihe Photographie und Metaphysik unter dem Titel Edward Weston und die Essenz der Dinge erschienen.


(2) The Daybooks of Edward Weston, Volume 1 Mexico, Aperture Books 1973, S. 120
«For what end ist the camera best used? … The answer comes alsways more clearly after seeing a great work of the sculptor or painter … that the camera should be used for a recording of life, for rendering the very substance and quintessence of the thing itself, whether polished steel or palpitating flesh.»

(3) The Daybooks of Edward Weston, Volume 2 California, Aperture Books 1973, S. 31
«After the first breath-taking impression was over and after a long silent scrutiny of each, he abruptly asked: „Is Weston sick at present?“ Then he went on: „These photographs are biological, beside the aesthetic emotion they disturb me physically – see, my forehead is sweating.“ Then – „Is Weston very sensual?“»

(4) The Daybooks of Edward Weston, Volume 2 California, Aperture Books 1973, S. 32
«No! I had no physical thoughts, – never have. I worked with clearer vision of sheer aesthetic form. I know what I was recording from within, my feeling for life as I never had before. Or better, when the negatives were actually developed, I realized what I had felt, – for when I worked, I was never more unconscious of what I was doing.»

(5) Infinity, Februar 1964, Zitiert in Edward Weston 1886 - 1958 (Icons), Taschen Verlag 2001, S. 73

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