Photogalerie „Die Essenz der Dinge“

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Wald, Yosemite NP/Californien     6 / 15
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Der Hinduismus stammt aus Indien und hat seine geistigen Wurzeln in den Veden, alten Schriften, die wahrscheinlich zwischen 1500 und 500 v.Chr. aufgezeichnet wurden. Nach der hinduistischen Lehre existiert eine ursprüngliche Ganzheit, die alles erschafft und in die alles vergeht. Diese Einheit wird Brahman genannt. Sie ist der Wesenskern aller Dinge, kann aber mit unseren intellektuellen Fähigkeiten nicht begriffen und folgerichtig auch nicht in Worte gefasst werden. Gemäß der hinduistischen Mythologie opfert Brahman sich selbst und wird dadurch zur Welt, die so wiederum göttlichen Status erhält. Dieser Schöpfungsakt heißt Lila – das Spiel Gottes – und die Welt ist sein Aufführungsort. Solange der Mensch unter dem Eindruck dieser beständig wiederkehrenden, rhythmischen göttlichen Schöpfung – Lila – steht, kann er die Realität der Dinge nicht erkennen. Dieser Zustand der Verwechslung der mannigfaltigen Formen des göttlichen Spiels mit der Realität wird Maya genannt. Aber die Bedeutung von Maya liegt nicht darin, daß die Dinge der Welt selbst Illusionen sind. Die Täuschung liegt in uns und unserer Art zu denken, solange wir die Welt und ihre Objekte für real halten, anstatt sie allein als Produkte unseres Verstandes zu erkennen. Fehlt noch ein Aspekt, das Karma. Es ist dies die dynamische, allen Dingen Leben spendende Kraft der Schöpfung Lila. Solange wir von Lila geblendet sind, sind wir vom Karma gebunden. Uns von ihm zu befreien und die innere Einheit der Schöpfung, uns eingeschlossen, zu erkennen, zu begreifen, daß alles demselben Urgrund entspringt, ist das wirkliche Wesen des Hinduismus. Diesen Schritt zu vollziehen, bietet die Lehre viele verschiedene Wege, Rituale und geistige Übungen an, die den unterschiedlichen Bewußtseinsstufen der Menschen angepasst sind. Yoga beispielsweise.

«Worte können die Freude der Seele nicht beschreiben, deren Unreinheiten in den Tiefen der Kontemplation hinweggewaschen wurden, die eins ist mit dem Atman, dem eigenen Selbst. Nur diejenigen, die diese Freude erfahren haben, wissen, was es ist. … Wie Wasser eins wird mit Wasser und Feuer mit Feuer und Luft mit Luft, so wird der Geist eins mit dem unbegrenzten Geist und erfährt so Freiheit.»
Maitri Upanishad

Der Buddhismus beherrschte seit dem 6. Jahrhundert v.Chr. für viele hundert Jahre die spirituellen Vorstellungen ganz Asiens. Sein Begründer war der Königssohn Siddhartha Gautama, der als historischer Buddha bezeichnet wird. Im Gegensatz zum Hinduismus und Taoismus geht es im Buddhismus nicht um die Erfahrung der Ganzheit als Selbstzweck, sondern um die persönliche Situation der Menschen und die Gründe für ihre Leiden. Er ist also eine psychotherapeutische Lehre und keine metaphysische.
Nach sieben Jahren Askese gelangte Siddhartha durch tiefe Meditation zur Erleuchtung, die die Buddhisten das unübertroffene, vollständige Erwachen nennen. Dies ist eine Erfahrung, die alle intellektuellen Grenzen überschreitet und die Welt als Acintya zugänglich macht, in der alles als nicht differenziertes So-Sein erscheint. Daraus entwickelte der so zum Buddha (zum Erwachten) gewordene Siddhartha seine Lehre, die sich in den vier edlen Wahrheiten präsentiert.
Die erste edle Wahrheit kennzeichnet die Ausgangssituation des Menschen als Dukha, Frustration. Dies ist seine Unfähigkeit die Grundvoraussetzung des Lebens zu erkennen: Alles um uns herum ist in einem immerwährenden Übergang begriffen. Nichts ist beständig und was uns so erscheint, ist eine Illusion, Maya. Dies ist die Wurzel des Buddhismus.
Die zweite edle Wahrheit handelt von der Ursache allen Leidens, Trishna, Klammern. Dies meint das Festhalten an den illusorischen Formen von Maya, wodurch wir uns dem natürlichen Fluß der Dinge wiedersetzen. So lange wir dies tun, erzeugt jede Handlung eine weitere Handlung und wir sind im Samsara gefangen, dem Kreislauf von Geburt und Tod, der vom Karma angetrieben wird, der unendlichen Kette von Ursache und Wirkung.
Die dritte edle Wahrheit ist die Hoffnung auf die Beendigung allen Leidens. Sie sagt, daß es möglich ist, aus dem Samsara auszubrechen, uns vom Karma zu befreien und das Nirvana zu erreichen. Jenen Bewußtseinszustand jenseits aller Begriffe, in dem die Einheit allen Lebens erfahrbar ist. Das Nirvana zu erreichen heißt, zu erwachen und die Buddhaschaft zu erreichen.
Die vierte edle Wahrheit schließlich ist die Lehre, die zur Beendigung allen Leidens führt, der achtfache Weg der Selbstentwicklung. Er beschreibt das richtige Sehen, das richtige Wissen, die richtigen Handlungen, das richtige Bewußtsein und die richtige Meditation.

«Flusshaft-vergänglich sind alle bedingt entstandenen Phänomene. Wenn man dies mit dem Auge der Weisheit erschaut, entsteht Überdruss am Leiden. Hier liegt der Pfad zur Freiheit. Letztlich nicht-tragfähig oder nicht greifbar sind alle bedingt entstandenen Phänomene. Wenn man dies mit dem Auge der Weisheit erschaut, entsteht Überdruss am Leiden. Hier liegt der Pfad zur Freiheit. Das Nicht-Selbst sind alle bedingten und unbedingten Dinge. Wenn man dies mit dem Auge der Weisheit erschaut, entsteht Überdruss am Leiden. Hier liegt der Pfad zur Freiheit. Wenn das stete Entstehen und Vergehen alles Körperlichen wie Geistigen gesehen wird, entsteht wahre Freude. Hier liegt das Reich des Todlosen.»
Zitat des erwachten Buddha

Der Taoismus beruht auf den Schriften zweier chinesischer Philosophen, Lao-tzu und Chuang-tzu, die 600 bzw. 400 v.Chr. gelebt haben sollen. Dies sind das Tao Te Ching und das Chuang-tzu. Wenn der Konfuzianismus die Philosophie der sozialen Ordnung war, dann kann man den Taoismus als authentische metaphysische Lehre oder Religion Chinas bezeichnen.

«Dieses“ ist auch „Jenes“. „Jenes“ ist auch „Dieses“. … Die eigentliche Essenz des Tao ist, daß „Jenes“ und „Dieses“ aufhören, Gegensätze zu sein. Diese Essenz allein, als Achse gleichsam, ist der Mittelpunkt des Kreises und reagiert auf die endlosen Wandlungen.»
Taoistische Weisheit

Yin-Yan-Symbol

Genau wie Hinduismus und Buddhismus geht der Taoismus von der Existenz einer letzten, alle von uns wahrgenommenen Dinge vereinigenden und erklärenden, Realität aus. Sie wird als das Tao bezeichnet, was ursprünglich Weg bedeutete und den Weg des Universums meinte. In diesem Sinn interpretiert ist das Tao das Pendant zum hinduistischen Brahman und buddhistischen Nirvana. Allerdings besitzt das Tao im Gegensatz zu ihnen eine ganz eigene Dynamik, einen zyklischen Wechsel von Ausdehnung und Kontraktion, aus der die Dinge beständig werden und vergehen. Dieser dauernde Wandel ist die Essenz des Universums und seine Erforschung anhand der Natur ist das Wesen des Taoismus. Sie soll den Menschen in die Lage versetzen, die gleichbleibenden Elemente in der ewigen Wandlung zu erkennen und sein Leben zum Zweck der Harmoniegewinnung an ihnen auszurichten. Die beiden Pole der zyklischen Wandlungen sind Yin und Yang. Ihr dynamisches Zusammenspiel erzeugt die Manifestationen des Tao, die wir wahrnehmen.
Das wohlbekannte Yin-Yang-Symbol illustriert diese allem innewohnende Dynamik auf wunderbare Weise. Zwar zeigt es eine symmetrische Anordnung des hellen Yang und des dunklen Yin, jedoch ist diese nicht von statischer Natur. Vielmehr ist es eine Rotationssymmetrie, die den beschriebenen kontinuierlichen Zyklus suggeriert. Die beiden Punkte umgekehrter Farbe in den Flächen geben der Vorstellung Ausdruck, daß jede der beiden Kräfte bereits ihr Gegenteil in sich trägt, wenn sie ihren Extremwert erreicht.

Die Texte und Bilder dieser Galerie sind in Buchform in der Reihe Photographie und Metaphysik unter dem Titel Edward Weston und die Essenz der Dinge erschienen.
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