Photogalerie „Die Ästhetik im Chaos“

Steile Canyonwaende, Bryce Canyon NP

Erosion, Bryce Canyon NP/Utah     1 / 13
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«Die Formen des Lebens, die von den Widrigkeiten der schroffen Bergwelt geformt wurden, scheinen die deutlich erkennbaren Pinselzüge desselben großen Künstlers zu zeigen. Ich erkannte eine verborgene Gleichheit in den Geweihwindungen der Steinböcke, in den verdrehten Maserungen der Wacholderbäume, den Gesichtszügen der alten Männer und Frauen Baltistans und den gewaltigen Bögen auf dem Weg eines altiven Gletschers.»
Galen Rowell, In the Throne Room of the Mountain Gods (1)

Immanuel Kant wurde am 22. April 1742 in Königsberg an der Südostküste des baltischen Meeres geboren. Heute liegt Königsberg in der russischen Enklave Ostpreußens und heißt Kaliningrad. Zu Kants Lebzeiten war es die ostpreußische Hauptstadt und die dominante Sprache war Deutsch. Und obwohl Königsberg weit abseits des preußischen Kernlandes und anderer großer deutscher Städte lag, war es zu jener Zeit ein wichtiges, weltoffenes Handelszentrum mit einer anerkannten Universität.
Sein Vater war Sattlermeister und auch seine überdurchschnittlich gebildete Mutter entstammte einer solchen nürnberger Familie. Aber die Mitte des 18. Jahrhunderts war keine goldene Zeit für dies Handwerk, und so war es für Johann Georg Kant nicht leicht, die Familie durchzubringen. Nur vier von Immanuels acht Geschwistern erreichten das Erwachsenenalter.
Kants Eltern waren Pietisten und versuchten die Überzeugungen dieser Reformbewegung des kontinentaleuropäischen Protestantismus durch die Wahl entsprechender Schulen an ihre Kinder weiter zu geben. Dabei ging und geht es um Bekehrung, Vertrauen in göttliche Gnade und die Erfahrung religiöser Gefühle durch persönliche Hinwendung in Form von Bibelstunden, Gebeten und Selbstprüfung. Aber Immanuel Kant reagierte mit starker Abwehr auf diese gezwungene Seelensuche und suchte Schutz in den Überzeugungen der klassischen Antike, die an seiner Schule, dem Collegium Fridericianum, ebenfalls gelehrt wurden. Vielleicht wurde in dieser Zeit der Samen für die Betonung von Verstand und menschlicher Autonomie im Gegensatz zum Gefühl und der Abhängigkeit von Autorität und Gnade des erwachsenen Kant gepflanzt. In jedem Fall waren die Eltern erfolgreicher darin die handwerklichen Werte von harter Arbeit, Ehrlichkeit, Sauberkeit und Unabhängigkeit, die sie täglich praktisch lebten, an ihren später so berühmten Sohn zu vermitteln, als ihn mit dem Pietismus zu infizieren.
Nach der Schule besuchte Kant die königsberger Albertus-Universität, besser bekannt unter dem Namen Albertina. Dort wurde sein frühes Interesse an den Klassikern schnell durch die Philosophie ersetzt, die alle Studenten im ersten Jahr belegen mussten. Das Fach umfasste Mathematik, Physik, Logik, Metaphysik und Ethik. So lernte Kant den Ansatz von Christian Wolf kennen, die kritische Synthese der Philosophie des Gottfried Wilhelm Leibniz, die zu jener Zeit recht einflussreich an deutschen Universitäten war. Aber Kants Lieblingsdozent Martin Knutzen führte ihn auch an die deutschen und britischen Kritiker Wolfs heran und machte ihn mit dem Werk Isaac Newtons vertraut.
1746 verließ er die Universität, weil er das Studium ohne die finanzielle Unterstützung seines Vaters, der inzwischen gestorben war, nicht fortsetzen konnte. Er hatte auch keinen formellen Abschluß, da seine Schrift Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte nicht als Abschlußarbeit anerkannt wurde. So musste er sich bis 1754 als Hauslehrer außerhalb von Königsberg durchschlagen. Erst dann konnte er es sich leisten, die Studien an der Universität wieder aufzunehmen. Im darauf folgenden Jahr habilitierte er und wurde Privatdozent mit umfangreicher Lehrtätigkeit. Erst 1770 wurde er als Professor für Logik und Metaphysik berufen und leitete die Albertina von 1786 bis 1788 als Rektor. In diese Zeit fiel auch seine Aufnahme in die Berliner Akademie der Wissenschaften. Die letzten 15 Jahre seines Lebens waren von dauernden Auseinandersetzungen mit der preußischen Zensurbehörde geprägt, die ihm die „Herabwürdigung mancher Haupt- und Grundlehren der heiligen Schrift und des Christentums“ vorwarf. Ab 1796 durfte er seine Lehrtätigkeit nur weiterführen, wenn er sich religiöser Schriften enthielt. Dem unterwarf sich Kant getreu seiner Maxime „nur Wahres zu sagen, aber nicht verpflichtet zu sein, alles Wahre, was man denke auch öffentlich sagen zu müssen“, ohne eine Zeile zu widerrufen.
Am 12. Februar 1804 starb Immanuel Kant, ohne Königsberg je weiter als 50 km verlassen zu haben.

Die Texte und Bilder dieser Galerie sind in Buchform in der Reihe Photographie und Metaphysik unter dem Titel Immanuel Kant und die Ästhetik im Chaos erschienen.


(1) Galen Rowell, In the Throne Room of the Mountain Gods
«Life forms shaped by adversity in the rugged mountain environments seem to show recognizable brush strokes of the same grand artist. I saw a hidden sameness in the curl of an ibex horn, the twisting grain of a timberline juniper, the lines in an old Balti face, and the giant arcs in the path of a living glacier.»

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